Autor: Christoph

Bienenwanderwägen

Um das Jahr 1999 wurde ich zu einem Wettbewerb eingeladen, er war ausgeschrieben worden, damit Künstler Ideen und Entwürfe zum sogenannten Nordwest-Sammelkanal ablieferten. Das war damals ein weitgehend fertiggestellter Kanal, der südwestlich beginnend nördlich um München herumreicht, um künftig Abwässer aufzunehmen. Die gedachte man schließlich durch eine Kläranlage im Norden Münchens, bei Eching, zu schicken und dann in die Isar zu leiten. Damit einher ging ein riesiges Bauprojekt, eine gewaltige Stadterweiterung nach Westen, etwa 60.000 Wohnungen, die den menschlichen Zustrom aufnehmen sollten. Um das Gut Freiham herum, das dort seit dem zwölften Jahrhundert steht, mit einer altbackenen Wirtschaft, einem Biergarten und Stallungen, wollten die Stadtplaner Hochhäuser errichten und auf den nördlich davon gelegenen, sich einfallslos hinziehenden Äckern ein Industriegebiet anlegen.

Im Norden der Stadt ließ sich hingegen nicht viel ändern, zumindest vorerst, da der Kanal nördlich vom Hasenbergl und der Panzerwiese, nördlich des Autobahnrings sogar, jedoch südlich der Schleißheimer Flugwerft erst durch das triste Ackerland um Hochmutting, dann durch Mischwald und schließlich durch eine karge Heide, die eine geschützte Landschaft ist, verläuft. Jedoch war der Kanal von vorne herein so groß ausgelegt, dass er auch Abwässer, die man nördlich aus der Stadt heraus leiten würde, aufnehmen können sollte. Der Bau war rechteckig, mit den Abmessungen von 5,60 Metern Höhe und 3,60 Metern Breite. Man hatte Anfang der neunziger Jahre damit begonnen und ihn im Jahr 1999 fertiggestellt. Als ich ihn mit anderen Künstlern zusammen besichtigte und über eine der Einstieg-Stellen in der Fröttmanninger Heide hinabkletterte, war ich beeindruckt von seinem Ausmaß. Diese Heide liegt, soweit ich weiß, innerhalb eines ehemaligen Bundeswehrgeländes, die Pflanzen sind teilweise selten und geschützt und sie siedeln sich nur spröde und über Jahre hinweg an, da der Boden völlig karg ist.

Rumänischer Wagen

Anlässlich eines Hochwassers im Jahr 2010 gab es eine immense Welle Beschwerden von Anwohnern, da ihre Keller überschwemmt worden waren. Ein unabhängiges Gutachten der Technischen Universität München bestätigte, dass beim Bau Fehler gemacht worden waren. Man fand heraus, dass der Kanal nicht nur Abwässer fortschaffte, sondern wegen baulicher Mängel bei starkem Regen wie ein Damm wirkte. Das Grundwasser konnte den Kanal nicht umströmen, denn das drumherum eingearbeitete Material war nicht ausreichend durchlässig. So zog sich diese ganze Geschichte hin, mit gerichtlichen Klagen, in denen die Anwohner Schadenersatz forderten. Im Jahr 2013 war der Kanal bereits ein zweites Mal saniert worden. Ein Bewohner hatte ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben. Letzte Berichte im Internet fand ich bis ins Jahr 2015, als wiederum ein drittes (noch unabhängigeres) Gutachten in Auftrag gegeben wurde. Jedoch wirkte das wie der Gong, der eine neue Runde einläutet. Anscheinend wurde in der Zeitung, wenn man etwas über den Münchner Westen las, nur über eine neue Volte in dem Fall berichtet.

Die eingeladenen Künstler ließ man Entwürfe und Modelle anfertigen. Meiner sah vor, dass etwa fünf bis zehn Bienenwanderwägen für Bienenhalter bereitgestellt würden. Ein Imker, sobald er sich meldete, bekäme einen Wagen zugeteilt. Im Gegenzug sollten die Imker dazu verpflichtet werden, mit ihren Bienen entlang des Kanalverlaufs zu wandern, was übers Jahr hinweg eine Reihe verschiedener Trachten einschließt. Um die Einstieg-Stellen herum ließen sich leicht Standplätze anlegen, beziehungsweise mussten sie nur ausgewiesen werden.

Auf einem Flohmarkt hatte ich eine Reihe von Automodellen gefunden. Darunter waren eine rosafarbene Ente und ein hellblauer Trabi. Von einem dritten Fahrzeug, einem Traktor, entfernte ich die Vorderachse. Die Räder steckten lose auf einer dünnen Eisenstange. Ich hatte zwei Löcher quer in den Unterbau meines Modells gebohrt. Dort hinein schob ich die Stange, zwickte sie in der richtigen Länge ab und klebte die Räder auf. Und oben auf der Grundplatte errichtete ich aus Aluminiumblechen das Modell eines der geplanten Wanderwägen.

Darin gab es den größeren Teil, der für Bienen gedacht war, etwa fünf bis acht Völker, und einen getrennten Raum, in dem Gerätschaften gelagert werden konnten und in dem geschleudert werden sollte. Im Grunde handelte es sich um teilweise ausrangierte Bauwägen der Stadt, die ohnehin beim Bau des Kanals ihren Dienst getan hatten. Sie sollten runderneuert und für die Bienenhaltung hergerichtet werden. Es steckte, sozusagen als Leckerbissen, eine Recyclingidee darin. Die Vorbereitung würde keine allzu massiven Eingriffe erfordern und schon gar keine in die Grundkonstruktion. Außen schließlich sollten die Wägen mit Aluminiumblech beschlagen werden, damit sie glänzen würden und für das Auge sofort kenntlich wären.

Neunzehntes Jahrhundert

Categories: 1999

Der Geist des Honigs

Vor Jahren, als wir am Tisch saßen, sagte ein Freund, der damals noch ein Jugendlicher war, unvermittelt: „apicultura ist der Geist des Honigs.“ Natürlich hatte er das aus einer Schnapswerbung, die im Fernsehen lief. „ … ist der Geist des Weines.“ Daher war ich nicht besonders erbaut, vielleicht sogar mehr verärgert als geschmeichelt. Und der Satz musste sich im Lauf der Jahre erst entschlacken und mir schließlich wieder einfallen, bevor er verwendbar wurde. Das Ereignis, rechnete ich aus, geschah im Jahr 1999. Deshalb kann ich nicht mehr ergründen, wie viel der Junge selbst von dem verstanden hatte, was er gerade vom Stapel gelassen hatte. Vielleicht wollte er mir in erster Linie einen Gefallen tun.

Categories: 1999

sagoma

Ausstellung in der Galerie Werkschau, München

Es gab eine Reihe von Hindernissen, die zu der Ausstellung sagoma führten. Eines davon, nicht unbedeutend, war, dass mir eine der beiden Hummeln fehlte, die ich, auf einen Silberbarren gelegt, zeigen wollte. Es ist gar nicht so leicht, jemanden zu finden, der eine Hummel zu bieten hat. Mein Freund Uli Panick beispielsweise sagte sinngemäß: Das Bild mit der toten Hummel auf dem Fensterbrett steht mir klar vor Augen. Aber jedesmal, wenn ich hinschaue, ist sie nicht da.

Später lernte ich eine argentinische Goldschmiedin kennen, die in einem Restaurant aushalf. Sie sammelte Insekten und wollte ihre Hummeln mit mir tauschen. Gegen Honig. Also brachte ich einige Gläser Honig in das Restaurant und sie stellte mir in einer Plastikfilmdose Hummeln auf den Tresen. Wir unterhielten uns eine Weile, dann musste sie wieder in die Küche.

Neben mir am Tresen thronte eine dunkel gekleidete Frau mit starkem, schwarzem Haar, verlebtem Gesicht und einer kostbaren Tasche, die sie auf den Knien balancierte. Sie gab sich als Italienerin. Der Wirt stammt aus Italien und ferner der Koch. Der kam aus der Küche gewetzt, ließ sich einen Espresso aus der Maschine und schimpfte, weil jemand den Löffel in der Milchkanne vergessen hatte. Dann sprintete er zurück. „In Italien ein schwerer Fehler“, äußerte die Frau und deutete auf den Löffel. Sie sah nicht unbedingt sympathisch aus, aber ich dachte, vielleicht ließen sich Informationen, die ich noch brauchte, über das Wort sagoma einholen. Überraschend war, dass sie kaum eine Bedeutung direkt bestätigte, die ich im Lexikon gefunden hatte. Stattdessen berichtete sie, dass das Wort für einen toten Körper verwendet werde. Zur Unterstützung wiederholte sie mehrmals eine waagrechte Handbewegung. Ich dachte an die leibliche Hülle eines Gestorbenen.

Im Lexikon ist sagoma übersetzt mit

1. Gestalt, Profil, Form, Kontur und Umriss

2. (Zeichen-)Schablone

3. Zielscheibe

4. in figurativer Bedeutung: komischer Kauz, Komiker

Beim Googeln des Wortes sagoma wird man von einer weiteren Fülle an unerwarteter Information überrascht. Zum Beispiel finden sich die Seiten von Konzernen wie Sagoma-Industries, deren Gebiet mir schleierhaft geblieben ist. Es gibt diese und jene schrullige Seite, viele auf Italienisch, und schließlich blättert sich nach und nach der hitzige Diskurs über einen Vorfall auf, der den verstorbenen Papst betrifft. Am 2. April des Jahres 2007 fand in Beskid Zywiecki, das in der Nähe des Geburtsortes von Karol Woytyla liegt, eine religiöse Feier statt, und man muss gleich erfahren, dass es sich um den Todestag von Johannes Paul II handelt. Eine Gruppe von Gläubigen stand im Freien, wahrscheinlich wurde gesungen, eine Menge Menschen war anwesend und es wurde ein in der Folge hoch loderndes Feuer angezündet. Die Flammen züngelten mehrere Meter empor und ein polnischer Arbeiter fotografierte nebenbei mit seiner Digitalkamera, nichts Ungewöhnliches bis dahin. Dann durchstreifte die Uhrzeit den exakten Todeszeitpunkt des Pontifex und die Flammen verwandelten sich für einen Augenblick in einen großen, geisterhaften Schemen. Und man kann sagen: In diesem Augenblick begannen die Probleme. Denn die einen deuteten die Flammenform sofort als Figur, in der der verstorbene Papst ihnen erschienen war. Folglich: ein Wunder. Es war höchste Zeit, den Mann heilig zu sprechen. (Die Seligsprechung wäre ein Umweg, eine Zeitvergeudung durch bislang gebotenes kirchliches Abwarten. Hier sollten aber Nägel mit Köpfen gemacht werden.)

Die Flammenerscheinung, die auf einem Foto zu sehen ist, wird im Italienischen als sagoma bezeichnet. Der Corriere della Sera übrigens druckte das Bild wenige Tage später ab, was vielen als Bestätigung galt. Der Vatikan allerdings zauderte, und ich kann mir vorstellen, dass den hohen kirchlichen Herren eine Erscheinung wie diese alles andere als angenehm war. Zusätzlich kam ein Haufen unliebsame Arbeit auf sie zu. Es musste beispielsweise die Echtheit der Aufnahme geprüft werden, was im Zeitalter der digitalen Bildmanipulation äußerst schwierig ist. Ferner musste geklärt werden, ob die Erscheinung wirklich als päpstlicher Auftritt zu deuten ist. Hier meldeten sich sarkastische Stimmen aus der italienischen Bloggerszene. Einer witzelte, die Flamme sei wohl die Folge eines Ozonlochs über Polen. Ein anderer antwortete, die Flamme sehe eher aus wie Obi Wan Kenobi, und man solle lieber den heilig sprechen. Das ist ein Witz, über den man mitten in der Nacht, wenn man plötzlich aufwacht, noch lachen kann. Denn Obi Wan Kenobi aus dem Filmmonument Star-Wars erteilt aus dem Jedi-Ritter-Jenseits als halbdurchsichtiger Schemen dem jungen Luke Skywalker entsetzlich weise Ratschläge. Auf einer weiteren Seite wird die tausendmal gesehene Tanzpose von John Travolta aus Saturday-Night-Fever in die Flamme hineininterpretiert. Auch das passt wie ein Maßanzug. Viele sehen in dem verstorbenen Papst sowieso einen Popstar.

Auf der Originalseite, in der es um die Flammenerscheinung geht, sind die aufgeregten Beteiligten zu sehen, zuvorderst natürlich der Arbeiter, und wie er seine Kamera, auf der wiederum das Feuerfoto abgebildet ist, ins Bild hält. Dazu der Bürgermeister, der Priester, allerlei wichtige Gäste und stolze Honoratioren.

Für das Verfahren der künstlerischen Aneignung, das auch in Bezug auf sagoma gültig ist, hat Manfred Ellenrieder vor einigen Jahren den Begriff Originalkopie geprägt. Er bezeichnet damit sowohl die Auswahl als auch die Umwandlung von vorgefundenem Material. Man balanciere dabei auf einem Grat, sagt er sinngemäß: links die Fremdheit des Materials, rechts das Verhängnis der Autorenschaft.

Die Arbeit mit der toten Hummel auf dem Silberbarren, das Kernstück der Ausstellung, war unverkäuflich. Doch zwischen einem Freund und mir entspann sich ein verwickeltes Gespräch, als wir auf den imaginären Preis zu sprechen kamen, den ein Künstler dafür verlangen müsste, sofern man vom gegenwärtigen Silberpreis ausgeht und die Galerie die Hälfte beansprucht. Das Ganze kam mir vor wie ein Gordischer Knoten.

Categories: 2007

Girasole

Edition bei Pulcinoelefante, Osnago bei Mailand, mit Stefano Soddu

Nach der Ausstellung in Mailand, die mich wegen der langen Vorbereitungszeit erschöpft hatte, fuhr ich eine Weile nicht nach Italien. Bis dahin hatte ich gelegentlich telefoniert, aber mich nicht aufraffen können. Stefano Soddu und ich hatten ausgemacht, zum Herausgeber und Drucker der Edition Pulcinoelefante zu fahren. Dessen Werkstatt liegt 30 Kilometer von Mailand entfernt auf dem Land. Wie ich feststellte, benutzt er ein leicht chamoisfarbenes, sicher 300 Gramm starkes Bütten mit gerissenen Rändern. Es ist industriell hergestellt und stammt aus der deutschen Papierfabrik Hahnemühle. In jedes Blatt ist ein Hahn (den ich jedoch nicht entdecken konnte) als Wasserzeichen eingelassen. (Im Internet erfährt man, dass die Hahnemühle während des Zweiten Weltkriegs vom Reichssicherheitshauptamt angewiesen wurde, das Britische Pfund zu fälschen.) Die Edition Pulcinoelefante, zu der Stefano mit mir fahren wollte, besteht seit dem Jahr 1982. (Pulcino heißt Küken.) Dort gehe alles sehr gemächlich zu, betonte er. Die Anzahl der jährlich produzierten Hefte ist jedoch enorm. Bis zum Februar 2014 waren über 9.000 Hefte gedruckt worden. Selten werden mehr als 30 Kopien hergestellt. Sie bestehen aus Blättern im Format 19,5 Zentimeter mal 27 Zentimeter, die gefaltet und vermittels Fadenheftung gebunden sind. Hier ist eine durch vier teilbare Anzahl von Seiten erforderlich. Stefano und ich ließen die Hälfte der Seiten unseres Heftes leer.

Einige fertige Exemplare wandern sofort zu Sammlern und in öffentliche Bibliotheken.

Damals bekam ich die leeren Seiten geschickt und sollte dafür eine kleine Papierarbeit herstellen. Ich verwendete das gleiche Papier wie in der Ausstellung und schnitt es zu. Es ist 13 Zentimeter lang und 8 Zentimeter breit. Diese noch ungenaue Proportion taucht anfangs der Fibonacci-Reihe auf, die ich während der Ausstellung bemüht hatte. Ich stach mit einer Stecknadel eine Schablone aus dünnem Aluminiumblech. Dabei imitierte ich die gedrehte Anordnung der Samen einer Sonnenblume. Sie wird explizit als Pflanze genannt, die in ihrem Aufbau, ähnlich wie bestimmte Muscheln, den Goldenen Schnitt benutzt. Danach legte ich die gesammelten, zugeschnittenen Blätter darunter und stach mit einer weiteren Stecknadel, deren Spitze ich angefeilt hatte, durch die vorgegebenen Löcher. Wie auf der Abbildung zu sehen ist, kam ein rundes, gedrehtes Muster zustande, das etwa sechs Zentimeter im Durchmesser besitzt, und da die Blätter von hinten nach vorne durchstochen sind, kann man mit dem Finger eine raue Oberfläche fühlen. Auf die Rückseite jedes einzelnen Blattes schrieb ich mit roter Stempelschrift: Girasole.

Ich klebte sie, wie Stefano mich angewiesen hatte, an ihrem oberen Rand mittig auf die Seite fünf der Edition. Daher trägt das Ganze den Namen Girasole. Stefano schrieb ein gespiegeltes Lautgedicht. Es wurde auf Bütten gedruckt und ebenfalls eingeklebt.

Nachdem die Edition fertiggestellt war, bekam ich neun Stück davon zurückgeschickt. Ich halte sie für außerordentlich kostbar. Wenn ich im Gesamtkatalog die Namen der berühmten Künstler betrachte, die dort Arbeiten gestaltet haben, wird mir ganz flau.

Categories: 2007

Ausstellung: Honiggeschichten

Gemeinschaftsausstellung im BBK München

Im Jahr 2004 wurde ich zu einer Ausstellung im Berufsverband Bildender Künstler eingeladen. Das Thema der Ausstellung hieß „Augenblick, Ewigkeit und Verfallsdatum“. Dazu fiel mir natürlich sofort Honig ein. Was die Vergänglichkeit betrifft, fiel er mir im umgekehrten Sinn ein. Honig, wenn er richtig gelagert ist, wird nicht schlecht. Forscher hatten aus einem Grab eine Amphore mit fünfzehntausend Jahre altem Honig ausgegraben und er war genießbar, da seine Oberfläche mit Wachs abgedichtet worden war und er so daran gehindert worden war, Wasser zu ziehen. Für diese Ausstellung schrieb ich die Jahreszeitenkapitel. Ähnlich wie Franz, nur viel lückenhafter und weniger ausführlich, hatte ich jahrelang das tägliche Wetter beobachtet und ich hatte mir kleine Notizen dazu gemacht, verbunden mit allgemeinen Meldungen über Erntemengen und Geschmacksrichtungen und Beschaffenheiten des Honigs. Ich schrieb das in kurzen Texten zusammen und hängte sie auf Blättern neben die Honiggläser aus den vergangenen Jahren. Jedes der Gläser stand auf einem Sockel, ich nannte das damals Thron, der aus Aluminiumblech gefaltet und an die Wand geschraubt war. Eine genauere Ansicht ist auf dem Schutzumschlag des gleichnamigen Buches zu sehen.

Categories: 2004

il ronzìo delle api

Gemeinschaftsausstellung mit dem Titel „cera non cera“ in der galleria dieci.due in Mailand

Diese Arbeit war für eine Ausstellung in Mailand konzipiert, daher der italienische Titel. Es handelt sich um Scheiben aus Bienenwachs, etwa fünf Millimeter stark, mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern. Innen das Label hat einen Durchmesser von zehn Zentimetern und ist an mein Honigetikett angelehnt. In ihrer ganzen Aufmachung stellen die Scheiben natürlich traditionelle Schallplatten nach. Während des Entwurfs dachte ich manchmal an die Goldene Schallplatte. Später verkaufte ich sie als Edition in Schubern aus Aluminiumblech. Da das Wachs offen gegossen ist, also im Wasserbad schwimmend, hat es eine leicht unregelmäßige, blasige Oberfläche und die Ränder sind ausgerissen. Alle Platten sind leicht unterschiedlich, gelegentlich hat das Wachs Einschlüsse, manchmal wechseln die Farben oder es entstehen helle Flecken.

Der Einfall, das Bienensummen auf diese Weise zu thematisieren, geht unter anderem auf den gleichnamigen Beitrag aus dem Jahr 2000 zurück.

Denkt man an Bienenwachs, so hat man einen gelbbraunen warmen Farbton im Sinn. In Wirklichkeit reicht die Farbigkeit von einem sehr hellen, stumpfen, weißlichen Gelb bis zu tiefem Ocker. Begeht man den Fehler, das Wachs in einem Eisentopf zu kochen, was mir anfangs passierte, verfärbt sich alles in dunkles, graues Braun.

Categories: 2002

Ausstellungen

aus den Honiggeschichten

Franz besuchte keine Ausstellungen von mir. Auch nicht, wenn es um Bienen ging. Nicht einmal die Zeichnungen zur Bienenanatomie wollte er sehen. Ich schickte ihm regelmäßig Einladungskarten, am Anfang zumindest. Er bedankte sich dann sehr höflich und entschuldigte sein Fernbleiben. Vielleicht wollte er sich davor bewahren, etwas zu sehen, das ihm mutmaßlich nicht gefallen hätte. Trotzdem war es zunächst befremdlich. Denn Franz arbeitete ja in der Akademie und sein Sohn hatte wohl, wie ich später erfuhr, in Rumänien Kunst studiert. Und wenn es um Arbeiten zur Bienenthematik ging, berichtete ich ihm ausführlich davon.

Franz kam trotzdem nicht. Er neigte ein bisschen dazu, Dinge ein für alle Mal abzuhaken. Er nahm sich eine Sache vor, prüfte sie genau und dann entschied er. Das Urteil selbst zu überprüfen, hielt er für überflüssig. Ich glaube, er war der Ansicht, es sei Zeitverschwendung. Er sah, was die Studenten in der Akademie fabrizierten und hielt rundum nichts davon. Damit war die Sache für ihn erledigt und er wandte sich ab. Seine Auffassung von Kunst war traditionell und an die erscheinungsrichtige Abbildung der Wirklichkeit geknüpft. Das konnte ich mit meinen Projekten nicht einlösen. Er hätte sicher alle Elemente in meinem Regal gekannt, aber die Frage, was daran Kunst sei, hätte ihn zu einer Verneinung geführt.

Categories: 2002

Alpenblumen

Durch Zufall, wahrscheinlich während eines Flohmarktganges, geriet ich an das Buch „Alpenblumen“. Es heißt darin, dass die Gewächse der Hochlagen mehr mit ihren Verwandten in der arktischen Tundra gemeinsam haben, als mit den hier heimischen. Das Buch spricht von einem möglichen Klimawandel und erschien bereits im Jahr 1977.

Die Arbeit besteht aus möglichst hell gehaltenen, schwarz-weißen Kopien der Blüten im Buch. Einige hatte ich vergrößert und dem Format DIN A3 angepasst. Diese alle kolorierte ich mit Buntstiften nach der wiederum gedruckten Vorlage im Buch. Während der Schulzeit, etwa 25 Jahre zuvor, hatte mir jemand ein dreißigteiliges Buntstiftset geschenkt. Das verwendete ich. Die Arbeit bezieht, wenn man sie genau betrachtet, die unterschiedlichen Ebenen des Abbildens in sich ein. Final ist es so, als drehe man sich einmal im Kreis.

Es war ein warmer, gleichmäßiger Frühling und kein zu heißer Sommer, und ich arbeitete vorwiegend im Garten. Dort saß ich und strichelte auf den Blättern herum. Den schwarzweißen Untergrund kann man nicht mehr ausmachen, zehn bis fünfzehn Schichten Farbe überdecken ihn.

Für die höheren Lagen existiert in der Schweiz eine eigene Bienenrasse, von der im Film More Than Honey die Rede ist. Sie heißt apis nigra und ist nicht zu verwechseln mit der ape nera (sicula), die im großen Stil auf den Liparischen Inseln rückgezüchtet wird. (Sie war früher auf Sizilien heimisch, wurde jedoch von einer anderen Rasse vertrieben, ich vermute, es war die ligustica. Der Vorteil der nera-Rasse ist, wie ich hörte, dass sie zweimal pro Jahr in Brut geht, genau zu der Zeit, wenn es auf Sizilien regnet und die Pflanzen blühen. Allmählich soll sie nun ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet zurückerobern. Diese Maßnahme wird vom slowfood-Verband in Italien finanziell unterstützt.)

Halbhohe Lagen der Schweizer Alpen sind das natürliche Habitat der nigra. Sie geht spät in Brut, denn ihre Brutphase ist auf den örtlichen Bewuchs abgestimmt. Mich erstaunte, als ich das Buch durchblätterte und die darin abgebildeten Pflanzen sah, dass ich einigen, außer natürlich Glockenblumen und Krokussen, und den Lilien, dem Löwenzahn, den Kartäusernelken, nie zuvor begegnet war. Sogar das Edelweiß mit all seinen heimatlichen Bezügen ist für mich quasi eine Phantompflanze. Ich sah es ein oder zwei mal zwischen Felsen stehen. Um die nigra-Rasse kümmern sich die in den Schweizer Alpen beheimateten Imker. Darüber hinaus ist sie kaum bekannt. Als zähe Gebirgsrasse eignet sie sich weniger für das flache Land.

Vom imkerlichen Standpunkt her ist die Alpenblumen-Arbeit nicht besonders wichtig, da ihre Aussage in ihrem hermetischen Bildaufbau liegt. Sie stellt keinen aktiven Bezug zu den Bienen her. Dennoch ist sie hier mit aufgenommen, da sie pflanzenkundliche Aufschlüsse liefert.

Davon ist von der äußeren Erscheinung her bereits etwas feststellbar. Ein gemeinsamer Nenner dieser Pflanzen liegt in ihrem Wurzelwerk. Die Adern müssen sich ihren Weg zwischen Brocken und Spalten im Gestein hindurch suchen, wodurch sie sich fest an den Untergrund klammern. Die Pflanzen sind stark wechselnden klimatischen Bedingungen ausgesetzt, weit oben liegen sie sogar unter Schnee. Ihr oberirdischer Aufbau wechselt je nach dem Gebiet, wo sie vorkommen. Vor allem die in den hohen Lagen ducken sich an den Boden.

Parallel fertigte ich eine große Stempelarbeit und brachte beide in Zusammenhang. In der Hängung ordnete ich sie an wie Bäume. Ich hatte die Rathausgalerie zur Verfügung bekommen und bat zwei Künstler, die ich kannte, hinzu. Eine Ausstellungsansicht fehlt mir allerdings.

Categories: 2001

Imkerregal

Die umfangreiche Bestückung des Regals war von einer Firma für Imkereibedarf ausgeliehen. Ich hatte zunächst mit der Hauptstelle in der Rheinpfalz verhandelt, dann bekam ich von einem kleinen Laden nördlich von München die Erlaubnis, mir für einen Monat so viel zu borgen, wie ich brauchte. Der Einfachheit halber nahm ich von jedem Gegenstand ein Stück. Kein Imker hat übrigens Verwendung für all diese Geräte. Die meisten werden nur das grundlegende Rüstzeug brauchen. Als ich anfing, Bienen zu halten, kam ich mit dem Minimum aus. Erst nach und nach kaufte ich mir Kübel und Rähmchen und lieh mir von einem Freund, der aufgehört hatte, seine rostige Drei-Waben-Schleuder. Und selbst dann besaß ich kein Zehntel dessen, was im Regal lag.

Aus den Geräten lässt sich rekonstruieren, worin das Tätigkeitsfeld des Imkers besteht. Während der Ausstellung konnte ich beobachten, wie Besucher neugierig das Regal umstanden und darüber debattierten, wofür die einzelnen Elemente gebraucht werden mochten. Eine überwiegende Reihe von Gegenständen sperrt sich der einfachen Entschlüsselung. So war allgemein zwar klar, dass es sich um Imkereibedarf handeln muss, das zeigte auch der Titel an, im Einzelnen blieben die Utensilien in ihrer Verwendung den Besuchern aber rätselhaft.

Die Herkunft der Gerätschaften, die das Berufsbild Imker aufspannen, hat, wie ich meine, zweierlei Wurzeln. Zum einen finden sich Gegenstände, die für bestimmte Erfordernisse entworfen wurden. Sie sind aus einem Bastelgestus entstanden, sie folgen einfach der Spur des Notwendigen, und danach sind sie ohne erhebliche formale Glättung in Serie gefertigt worden. Sie strahlen einen vorindustriellen Charme aus. Die übrigen Geräte sind fremden, manchmal weit entfernten Tätigkeitsbereichen entlehnt. Das maximale Beispiel ist der Baustellenquirl (jedoch aus Edelstahl), mit dem anstatt Beton nun Honig gerührt wird. Ebenfalls ein anspruchsvolles Element ist ein kleiner Transformator, der bei Modelleisenbahnen zum Einsatz kommt. Imker, die ihre alten Rähmchen erneut verwenden, ziehen einen Edelstahldraht mittig ein. Mithilfe des Transformators werden der Draht erhitzt und wächserne Mittelwände eingelötet.

Categories: 2001